Retrospektive IFFI #35

News05.05.2026

Die Escuela Internacional de Cine y Televisión (EICTV) wurde am 15. Dezember 1986 in San Antonio de los Baños in Kuba eröffnet. Zur Gründung formulierte der argentinische Regisseur und erste Leiter Fernando Birri in seiner programmatischen Rede Acta de Nacimiento de la Escuela Internacional de Cine y TV en San Antonio de los Baños, Cuba, sobrenombrada de Tres Mundos (Birri 1986) das Selbstverständnis der EICTV als transnationale Filmhochschule, die ausschließlich Studierenden aus Lateinamerika, Afrika und Asien offenstehen sollte. Die Ausrichtung als „Filmschule der drei Welten“ ist ein solidarischer Akt mit anderen von „Imperialisten ausgebeuteten Nationen“. Bis heute stammt allerdings der Großteil der Studierenden aus lateinamerikanischen Ländern; seit der Öffnung zur „Schule aller Welten“ ist zudem ein beträchtlicher Anteil aus Spanien vertreten.

Die im Gründungstext skizzierten Prinzipien sind progressiv: In Birris Worten ist die EICTV „a factory of the eye and the ear, a laboratory of the eye and the ear, an amusement park of the eye and the ear“ – ein Ort des Schaffens, des Experimentierens und der Lust am filmischen Ausdruck. Ebenso Teil dieser Vision waren ein Gleichgewicht zwischen Studierenden aus Zentren und Peripherien, die Repräsentation von Minderheiten und marginalisierten Gruppen sowie ein ausgewogenes Verhältnis der Geschlechter. Letzteres konnte bis heute noch nicht erreicht werden. Grundlegend ist der „anti-scholastische“ Ansatz der konsequent praxisorientierten Ausbildung: Unterrichtet wird ausschließlich von aktiven Filmschaffenden, im Zentrum steht ein Learning-by-Doing-Ansatz, der Theorie und Praxis untrennbar miteinander verbindet. Ziel ist es, Filme- und Fernsehmacher*innen hervorzubringen, die technisch versiert und künstlerisch eigenständig arbeiten und über einen emanzipierten und emanzipatorischen Blick verfügen. Dies erfolgt über ein Jahr allgemeiner Ausbildung (Polivalencia) mit anschließender Spezialisierung in Spielfilmregie, Dokumentarfilmregie, Drehbuch, Produktion, Kamera, Schnitt, Ton oder TV sowie neue Medien.

An der Konzeption und Umsetzung der EICTV war neben Birri der kolumbianische Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Gabriel García Márquez maßgeblich beteiligt, der bis zu seinem Tod 2014 Vorsitzender der Trägerstiftung Fundación del Nuevo Cine Latinoamericano war. Des Weiteren zu nennen ist der kubanische Regisseur und spätere Leiter Julio García Espinosa, dem die Formulierung des dem Neuen Lateinamerikanischen Kino zugrunde liegenden selbstermächtigenden Verständnisses von Film zugeschrieben wird: „Alles, was wir tun, alles, was wir tun wollen, dient dem Ziel, selbst über unser eigenes Bild bestimmen zu können. Ein anderes Kino ist möglich“ (Espinosa nach Balaisis 2013: 187). Birri unterstreicht die Bedeutung einer derartigen Ausbildungsstätte: „Damit der Ort der Utopie, der per Definition keinen Ort hat, irgendwo existieren wird“ (Birri nach Balaisis 2013: 187). So viel Wichtiges die EICTV auch hervorbringt, so hält ihre utopische Konzeption der Realität nicht immer stand: Vor dem weltweiten Problem sexueller Übergriffe ist Berichten von Studierenden zufolge (2024) auch sie nicht gefeit, außerdem gibt es Vorwürfe von Zensur (2025).

Eine weitere zentrale Rolle spielte der kubanische Staat, der die Gründung durch infrastrukturelle Unterstützung erst ermöglichte. Dennoch agiert die Schule in vielerlei Hinsicht „losgelöst von den politischen Zwängen und wirtschaftlichen Einschränkungen, die im kubanischen Alltag oft zu spüren sind“ (Balaisis 2013: 186). Unberührt von den Entwicklungen in Kuba bleibt die EICTV in ihrer 40-jährigen Geschichte jedoch nicht: Die Versorgungslage auf Kuba verschärft sich zunehmend und immer länger andauernde Stromausfälle erschweren den Schulalltag.

Das 40-jährige Jubiläum bildet auch den Anlass für diese Retrospektive – und die Annahme, dass ein globales Netzwerk von der EICTV ausgeht und das IFFI durch diverse Arten von Verbindungen ein Teil davon ist, stellt die Grundlage dafür dar. Ein besonders augenfälliger Knotenpunkt ist dabei Fernando Birri, der bereits öfters zu Gast beim IFFI war. Der Festivalgründer und langjährige Leiter Helmut Groschup initiierte unter anderem eine Fernando-Birri-Briefmarkenedition der Österreichischen Post, gab gemeinsam mit Renate Wurm einen Sammelband über das Schaffen Birris heraus und verlieh ihm 2010 den IFFI-Ehrenpreis. Eine weitere Verbindungslinie bilden Filme von Absolvent*innen der EICTV: Rund 20 Arbeiten aus dem Studium wurden beim IFFI gezeigt. Mit Raphael Webhofer studierte auch ein Tiroler Dokumentarfilmemacher an der EICTV. Sein Film UN HOMBRE ist für den Volksbank-Kurzfilmwettbewerb nominiert und ONCE ist Teil des zweiten Kurzfilmprogramms der Retrospektive. Das Programm macht diese Verbindungen sichtbar, zeigt die Vielfalt filmischer Ansätze und eröffnet zugleich einen vielschichtigen Blick auf Kuba.

Die Retrospektive beginnt mit Fernando Birris UN SEÑOR MUY VIEJO CON UNAS ALAS ENORMES (1988), den er während seiner Zeit als Leiter der EICTV realisierte. Es folgen Filme von Absolvent*innen, die beim IFFI präsentiert wurden und die große formale Bandbreite der Ausbildung verdeutlichen: JEAN GENTIL (2010, IFFI #20) von Laura Amelia Guzmán und Israel Cárdenas erzählt als hybrider Spielfilm von einem arbeitslosen haitianischen Lehrer in existenzieller Krise; JUAN DE LOS MUERTOS (2011, IFFI #22) von Alejandro Brugués verbindet Zombiefilm und politische Satire. Der Dokumentarfilm LOS OFENDIDOS (2016, IFFI #27) von Marcela Zamora thematisiert die Foltergefängnisse während des Bürgerkriegs in El Salvador aus persönlicher Perspektive. Der Essayfilm A MEDIA VOZ (2019) von Heidi Hassan und Patricia Pérez Fernández als filmischer Dialog zwischen zwei Kubaner*innen, die emigriert sind, steht stellvertretend für langfristige Kooperationen zwischen EICTV-Absolvent*innen. Zwei Kurzfilmprogramme ergänzen das Programm: Das erste versammelt fiktionale Arbeiten mit mitunter schrägem Humor, darunter OSCUROS RINOCERONTES ENJAULADOS von Juan Carlos Cremata Malberti, einem Studierenden der ersten EICTV-Generation, der bereits 1992 beim 1. America Film Festival in Innsbruck gezeigt wurde. Das zweite Kurzfilmprogramm wirft Blicke unterschiedlichster dokumentarischer Spielarten auf Realitäten des Lebens in Kuba.

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