Fokus auf Lemohang Mosese
News – 05.05.2026
Lemohang Mosese ist ein Filmemacher aus Lesotho, der zurzeit in Berlin lebt. Seine Arbeiten wurden auf Filmfestivals sowie in Museen in vielen Teilen der Welt gezeigt. Seine Filme handeln von Themen wie Heimat, Verlust und Überleben und sind sowohl Erlebnisse für die Sinne als auch Herausforderungen für den Geist. Für Lemohang Mosese selbst ist Filmemachen eine Art von Gespräch. Es liegt also nahe, den Künstler des diesjährigen Fokus in ebendieser Form vorzustellen.
Mit MOTHER, I AM SUFFOCATING. THIS IS MY LAST FILM ABOUT YOU und THIS IS NOT A BURIAL, IT’S A RESURRECTION sind Sie zu einer von der Kritik gelobten „fixen Größe“ der internationalen Festivalszene geworden. Wie sind diese beiden Filme entstanden? Thematisch zwar ähnlich, wirken sie wie nahezu perfekte Gegensätze – die einander aber ergänzen. Und in ANCESTRAL VISIONS OF THE FUTURE, Ihrem aktuellsten Film, scheinen beide vereint.
Lemohang Mosese: THIS IS NOT A BURIAL, IT’S A RESURRECTION ist in vielerlei Hinsicht ein Film über das Bleiben; über eine tiefsitzende, fast spirituelle Verweigerung, einen bestimmten Ort zu verlassen – darüber, dort zu bleiben, wo die eigenen Wurzeln sind. In MOTHER, I AM SUFFOCATING. THIS IS MY LAST FILM ABOUT YOU geht es hingegen um das Weggehen; um Exil, Distanz und das Gefühl, vom eigenen Zuhause verfolgt zu werden, obwohl man weit davon weg ist. Jetzt, wo ich darüber nachdenke, stehen diese zwei Filme für gegenteilige Antworten auf die Frage: gehen oder bleiben?
ANCESTRAL VISIONS OF THE FUTURE erscheint dann quasi in der Mitte. Eine Grauzone, weder ganz über das Bleiben noch ganz über das Weggehen. Eher über das Existieren dazwischen – halb Sonne, halb Dunkelheit. Der Erzähler lädt das Publikum in ein Haus ein, ein Irrenhaus. Aber der Wahnsinn ist hier auch ein Weg, die Welt anders zu sehen: Wir finden uns in einem Raum wieder, in dem sich Exil allmählich wie zuhause anfühlt und Erinnerung, Zeit und Identität fluid werden.
Faszinierend für mich ist, dass diese Struktur nie beabsichtigt war. Erst jetzt merke ich, dass die drei Filme gemeinsam eine Art Bewegung darstellen: gehen, bleiben, das Dazwischen bewohnen.
ANCESTRAL VISIONS OF THE FUTURE fühlt sich wie die Fortsetzung früherer Gespräche an – und auch persönlicher. Es geht um Erinnerung und Erbe. In meiner Kultur ist Zeit nicht linear – die Vergangenheit ist lebendig. Unsere Ahnen sind nicht hinter uns, sie sind neben uns. Der Film will das Gefühl einer Zeit erzeugen, die atmet; die verschiedene Ebenen hat, in Kreisen verläuft, in sich zusammenfällt. Es geht um diese Zwischenräume, in denen viele von uns leben. Ähnlich der Frage der vorigen Filme: Was bedeutet es, wenn dein Geburtsland nie aufhört, nach dir zu rufen?
Sie erschaffen faszinierende Kinoerfahrungen für alle Sinne, die nicht „nur“ philosophisch, sondern auf eine ganz spezielle Art sehr unterhaltsam sind. Es mag viele erstaunen, dass man Sie oft als Autodidakten beschreibt. Wie haben dieses Handwerk, diese Kunst gelernt? Als großen Einfluss nannten Sie einmal Djibril Diop Mambéty und seinen Gedanken, „mit den Ohren zu sehen und mit den Augen zu hören“, der sehr gut zum heurigen IFFI-Motto passt.
L. M.: Ich werde oft als autodidaktischer Filmemacher bezeichnet, aber es war für mich nie so, als würde ich allein lernen. Das Kino selbst war mein Lehrer: Ich habe durch obsessives Filmschauen gelernt, durch Experimentieren, durch wiederholtes Scheitern. Und durch Zuhören – den Filmen, aber auch der Stille. Mambétys „mit den Ohren sehen und mit den Augen hören“ ist ganz zentral für mich, denn im Kino geht es nicht nur um Bilder, sondern auch um Rhythmus, Atem, Empfindungen. Ich versuche, Erlebnisse zu erschaffen – das Publikum soll den Film fühlen können, bevor es ihn verstehen kann.
In Ihren letzten Filmen scheint „die Mutter“ die Schlüsselfigur zu sein, nicht nur als Person, auch als Land. In der Filmszene ist Ihr Name mittlerweile eng mit „Ihrem“ Land Lesotho verbunden – die „westliche“ Kunstwelt tendiert dazu, Künstler*innen die Rolle von Repräsentant*innen zuzuschreiben. Stört Sie das? Und wie werden Ihre Filme in Lesotho aufgenommen?
L. M.: Es stimmt, mein Name wird sehr stark mit Lesotho assoziiert. Die internationale Kunstwelt betrachtet Filmschaffende gern als Botschafter*innen bestimmter Orte, als ob wir sozusagen die Übersetzer*innen eines mysteriösen Landes wären. Ich verstehe, warum das passiert, aber ich selbst sehe meine Arbeit nicht so. Ich versuche nicht, der Welt Lesotho zu erklären – ich versuche, meine eigene Beziehung zu Lesotho zu verstehen. Für mich ist Filmemachen eine Art Gespräch – mit meinem Land, mit meinen Vorfahren und mit mir selbst. Und ja, die Mutter in meinen Filmen ist nicht nur eine Person. Sie ist das Land, die Erinnerung, der Ursprung. Ich glaube, dass die Filme die Leute zuhause ebenfalls ansprechen. Auch wenn die Filme weit reisen, kehrt ihr Geist immer in die Berge zurück – dorthin, wo ihr Anfang liegt.
Gibt es bestimmte Muster, wie Ihre Filme in verschiedenen Teilen der Welt angenommen werden? Ist es mittlerweile schwieriger für Sie, nicht darüber nachzudenken, wer Ihr Publikum ist?
L. M.: Es gibt natürlich verschiedene Reaktionen, aber ich bin überrascht, wie oft der emotionale Kern der Filme über verschiedene Kulturen hinweg bestehen bleibt. In Europa sehen die Leute vielleicht die Themen Exil oder Philosophie. In Afrika erkennen sie vielleicht direkter Strukturen des Erinnerns oder des verbalen Geschichtenerzählens. Aber letztlich sind die Themen menschlich: Verlust, Zugehörigkeit, Glaube, Überleben. Ich versuche, möglichst wenig über das Publikum nachzudenken – wenn man das zu viel macht, kann man nicht ehrlich bleiben. Und der Film muss immer ehrlich zu sich selbst sein.
Wenn wir von Zugehörigkeit und Glauben sprechen: Was halten Sie von der Analogie zwischen Kino und Religion? Religion ist in Ihren Filmen sehr wichtig; sie drücken Gefühle und Fragen von Gemeinschaft aus.
L. M.: Kino und Religion haben etwas Grundlegendes gemeinsam, denke ich. Beide versammeln Menschen in einem dunklen Raum, in dem sie ins Licht schauen. In diesem Raum passiert etwas, das größer ist als das Individuum – ein kollektives Erfahren. Einander Fremde atmen zusammen, fühlen zusammen etwas. Man kann Kino sicher auf vielfältige Weise als Ritual begreifen. Meine Filme wollen nicht Glauben predigen, aber sie interessieren sich sehr für das menschliche Bedürfnis, an etwas zu glauben, das über die sichtbare Welt hinausgeht. Kino kann uns daran erinnern, dass wir nicht allein sind. Dass unsere Geschichten über Generationen nachhallen. Und dass Einander-Zuhören etwas sehr Wertvolles, Heiliges ist.
ARTIST-TALK: LEMOHANG MOSESE
FR, 5. JUNI, 16:00
GALERIE ELISABETH & KLAUS THOMAN Maria-Theresien-Straße 34, Innsbruck