XIARI NUANYANGYANG – I LOVE BEIJING

Noch vor zehn Jahren nannte man Beijing „Peking“, Hauptstadt und doch ein Dorf, dessen Gehsteige bei Einbruch der Dunkelheit hochgeklappt wurden. Heute verändert sich die Riesenstadt mit jedem Tag, Prestigebauten schießen in den Himmel, alle jagen nach dem Glück vermeintlicher ökonomischer Freiheiten, das Glück jagt hinterher. Ganz bewußt eröffnet Regisseurin Ning Ying ihr Haß-Liebe-Porträt mit Szenen einer gescheiterten Ehe vor der Scheidungsrichterin, ein angedeuteter Gesellschaftsbefund, Reflexionen eines symbolischen Spiegelbilds… Verkehrsgewühl, mühsam stauen sich Menschen, Maschinen, Gefühle. Mittendrin Dezi, Taxifahrer, überfordert von den Scheidungsappellen seiner Frau, ihren Selbstmordversuchen, identifiziert er sich über seine Arbeit, jagt sein Auto durch Tag und Nacht, beeindruckt kurzzeitig intelligente, finanziell unterprivilegierte Frauen, doch ein Kollege prognostiziert nüchtern das baldige Ende seiner Jagdfluchterfolge: „Taxifahren ist nichts besonderes mehr, für ein Mädchen brauchst du heute einen Mercedes.“ Aber Yu Lei als Dezi hat nicht die Rebellennatur, die De Niro in Scorseses New Yorker Taxifahrerfilm revolutionär-verzweifelten Schwung verlieh, er läßt sich einfach treiben, steuert hilflos überwältigt in ein Niemandsland getäuschter Illusionen. Regisseurin Ning Ying entwirft seismographische Bilderspuren gewaltiger Veränderungen und durchbricht zugleich mehrere Tabus: Öffentlich spricht man in China nicht über die vor allem von Frauen zur Explosion gebrachte Scheidungsrate, auch nicht über die wachsende Anzahl jener (Frauen), die sich stillschweigend durch Selbstmord vom euphorisch gefeierten Wirtschaftsboom verabschieden.

China 2001
Regie: Ning Ying
86 min, 35mm, 1:1.85, Farbe, Mandarin O
mU

2002, Archiv

Schlagwörter: ,