Vivian Chang

XIAO BAI WU JIN JI – HIDDEN WHISPER

Ein Hochzeitsbild in Scherben, langsam tropft Blut von den Handgelenken, Haß zweier Menschen, die durch ihr Kind noch aneinander gefesselt sind: Für die fünfjährige Xiao-bai bedeuten Spiel, Flucht und Abenteuer, mit dem behinderten Vater bis spät in die Nacht betteln zu gehen. Aber Regisseurin Vivian Chang erzählt in ihrem Debütfilm kein Elendsmelodram, wie es Millionen tagtäglich erleben. Von den düsteren Blaugelbtönen zu Beginn tastet sie sich in urbane Neonwelten vor, verfolgt ruhelose Ausbrüche einer Kindheitsnomadin, spiegelt fast nebenbei grandios die Inhumanität Taipehs, der Welt, um letztendlich konsequent in einem Krankenhaus zu enden. Erzählt darüber hinaus von einem ewigen Konflikt zwischen einer Tochter und ihrer Mutter, von Desillusionen, mächtigen Vergewaltigungen, ohnmächtigen Abhängigkeiten. Xiao-bai als Fünfjährige: „Ich liebe Mama, Papa auch“, und dann mit 17: „Für mich ist Mutter nur ein Name, mein Leben wäre besser ohne sie“. Fast schon abgeklärt, resümiert sie gefangen am Totenbett der Mutter: „Sind alle Mutter-Tochter-Beziehungen so: ohne Ende, ohne Ausweg…?“ Mutig springt Vivian Chang zwischen Vor- und Rückblenden, Parallelmontagen, sparsamen Dialogen mitten ins Herz. Wenn Xiao-bai noch als Erwachsene traurige Zeichnungen malt, und Männer als ewig Behinderte fast sprachlos am Rande hilflos agierend verenden, dann zeigt sie mehr als sonst auf Kinoleinwänden üblich ist. Auch wenn die Mutter verzweifelt schreit: „Ich hätte Dich nie haben wollen“, lacht am Ende Xiao-bai als junge Mutter der Welt herausfordernd entgegen.

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