Ritwik Ghatak

AJANTRIK – DER VAGABUND

Die eigenwillige, oft schelmische Liebesgeschichte zwischen einem Taxifahrer und seinem Auto: Bimal, der in seinem veralteten, über alles geliebten Gefährt Jaggadal die indische Provinz durchquert, wird auf seinen Wegen nebenbei Zeuge eines wirtschaftlichen Umbruchs. Während die Natur den Bulldozern weichen muss, ist er damit beschäftigt, seinen Wagen trotz allseitigen Spotts in Schuss zu halten, und investiert seine letzten Ersparnisse in das Objekt, das er für beseelt hält. Erst als sich Bimal in eine Frau verliebt, gibt Jaggadal den Geist auf. Als Exeget von C.G. Jung konstruiert Ghatak von AJANTRIK an alle seine Filme nach dessen Archetypen: In Jaggadal sieht er das Abbild der Mutter und des alten Indiens. Die Hupe, die klingt wie die Hörner des Oraon-Stamms, dessen ekstatischen Tanzriten Bimal in einer elektrisierenden Sequenz beiwohnt, wird nach Jaggadals Verschrottung von einem kleinen Jungen gefunden, der sie prompt betätigt: Ghataks Filme enden bevorzugt mit Tod und Leben – Ende und Neubeginn im selben Bild. „Der einzelne Mensch stirbt, aber die Menschheit entwickelt sich weiter.”

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JUKTI, TAKKO AAR GAPPO – VERNUNFT, DEBATTE UND EINE ERZÄHLUNG

Der schonungsloseste Epitaph der Filmgeschichte, selbstverfasst: Ritwik Ghatak, stets gepeinigt von Identitätszweifeln, die er im Alkohol ertränkte, beginnt den Film, der sein letzter werden sollte, noch vor TITASH EKTI NADIR NAAM. Wie dort werden die Dreharbeiten immer wieder unterbrochen, wegen akut auftretender Tuberkulose und Alkoholdelirium. Ghatak selbst spielt einen alkoholkranken Intellektuellen, den seine Frau nach einem (autobiographischen) Wortwechsel verlässt, und der mit zwei Bürgerkriegsflüchtlingen aus Bangladesh eine Odyssee durchs zerfallene Westbengalen unternimmt. Halb Narr, halb Weiser, trifft er, zumeist betrunken, auf ehemalige Mitstreiter, die der Dekadenz anheimgefallen sind, wohnt einem traditionellen Chau-Tanz bei und findet nach einer langen, fruchtlosen Diskussion mit jungen Widerstandskämpfern durch eine zufällige Kugel den Tod, wobei er seine letzte Flasche ins Kameraobjektiv verschüttet. Inhaltlich wie stilistisch ein Film der Ratlosigkeit, die aber mit solcher Leidenschaft vorgetragen wird, dass sie zielstrebig scheint: „Das Universum brennt. Ich brenne.”

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KOMAL GANDHAR – E-MOLL

Ghataks zärtlich-kritischer Tribut an die „Indian People´s Theatre Association” (IPTA) – eine Erzählung von zwei rivalisierenden Theatergruppen, die für eine einzige stehen, so wie das geteilte Bengalen für Ghatak immer die Erinnerung an die Einheit heraufbeschwört. Das Wechselspiel von Trennung und Einheit ist das kennzeichnende Merkmal von Ghataks Kino: schmerzhafte Trennung von Ton und Bild, um durch außer-erzählerische Klänge (hier: Schüsse, Lieder, Sirenen) eine übergeordnete Einheit der Bedeutung herzustellen. Trennung von individueller, mythischer und sozialer Erzählung, die doch erst durch die Verbindung der Ebenen zur vibrierenden, vielschichtigen Einheit des zyklischen Weltbilds von Ghatak wird. Trennung Bengalens durch den Fluss Padma, die schon die erste Szene von KOMAL GANDHAR zu überwinden sucht. Auch der Titel handelt von dieser Überwindung: Er verdankt sich dem bengalischen Dichter und Philosophen Rabindranath Tagore, der in der Tonart E-Moll eine Metapher für die Ehe, die Wiedervereinigung sah. Am Ende von KOMAL GANDHAR gönnt sich Ghatak nach zahlreichen tragikomischen Intrigen und Auseinandersetzungen die Erfüllung dieser Hoffnung.

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Ajantrik

The strange and often mischievous love story of a taxi driver and his car: On his journeys, Bimal who travels through the Indian province in his obselete, but adored car Jaggadal, becomes an incidentally witness of economic change. While bulldozers demolish nature, Bimal is busy keeping his battered old car in good nick and invests his last penny in the object which is ensouled in his eyes. Only when Bimal falls in love with a woman, he abandons the soul of Jaggadal.

IN 1958
Regie: Ritwik Ghatak
104 min, black and white, 35mm, OmdU

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SUBARNAREKHA – DER FLUSS SUBARNAREKHA

Nach MEGHE DHAKA TARA und KOMAL GANDHAR der Abschluss von Ritwik Ghataks sogenannter Flüchtlingstrilogie, die (typisch für den Regisseur) fast „unabsichtlich” entstand. Der Junggeselle Iswar verlässt ein Emigrantenkollektiv, um seiner kleinen Schwester und einem Ziehkind als Angestellter in einer Gießerei eine Zukunft zu bieten. Aber Iswar stürzt die beiden gerade auf Grund seiner Fürsorge und Prinzipientreue ins Unglück: Abbild des bengalischen Schicksals, in dem Heimatlosigkeit Entwurzelung des Geistes und damit die Tragödie bedingt. Ein sich über Jahrzehnte erstreckendes Familiendrama; ein Film, dessen ruhigen Fluss heftige, irrlichternde, expressive Dramatisierungen jäh durchbrechen, und in dem allergrößte Intimität und globale Ereignisse ganz selbstverständlich ein unruhiges, unausweichliches Miteinander finden, wie im Leben vor der Kinotür. Ghataks Zeitlosigkeit spiegelt sich am Schönsten im Schlussmantra dieses Films: „Weiter, weiter.”

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TITASH EKTI NADIR NAAM – DER FLUSS TITASH

Immer wieder zieht es Ghatak an den Fluss, Sinnbild des ewigen Wandels, Metapher für das getrennte Bengalen. Als Ostpakistan nach einem blutigen Unabhängigkeitskrieg Bangladesh wird, kehrt Ritwik Ghatak in seine ostbengalische Heimat zurück, um dort einen Film zu drehen. TITASH EKTI NADIR NAAM erzählt, im Rhythmus mit Ebbe und Flut des Flusses Titash, vom Verschwinden einer Fischerkommune Anfang der vierziger Jahre und zugleich zwei tragische Frauenschicksale: Die eine wird nach ihrer Hochzeit und der Geburt eines Kindes von Flussbanditen entführt, die andere, Basanti, kümmert sich um das verlassene Kind, verliert es schließlich. Zugleich verliert der Fluss sein Wasser: Mit dem fortschreitenden Austrocknen werden die Fischer von grausamen Händlern aus der Stadt vertrieben. Am Ende halluziniert die im Flussbett nach Wasser grabende Basanti sterbend die nächste Generation: Reisfelder, ein kleiner Junge läuft durch diese Felder, und sein Pfeifen auf dem Grashalm bildet ein fernes Echo der Autohupe von AJANTRIK.

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