Moufida Tlatli

LA SAISON DES HOMMES

Ein Tag am Meer: eine kleine befreiende Ausflucht für die Protagonistinnen eines Films, der sich mit sozialen Räumen auseinander setzt, die im Kino immer noch ein Schattendasein fristen: Wie in ihrem viel beachteten Spielfilmdebüt DAS SCHWEIGEN DES PALASTES bindet die tunesische Regisseurin Moufida Tlatli auch in LA SAISON DES HOMMES die Erzählung an einen konkreten Ort, der zugleich die Erinnerungen und Sehnsüchte seiner Bewohnerinnen bewahrt und wieder freisetzt. Aicha kommt mit ihrem kleinen Sohn, den erwachsenen Töchtern und ihrer Schwägerin aus Tunis in den verlassenen Familiensitz auf der Insel Djerba zurück. Bald wird klar, dass es sich dabei nicht um die Rückkehr in ein früheres Idyll handelt. Das Haus, in dem die Frauen und der kleine autistische Bub nun Zuflucht finden, haben sie zuvor viele Jahre lang als Gefängnis empfunden: ein Wohnsitz von Frauen, die auf den einen Monat warten, in dem ihre Männer zum Heimaturlaub von ihren fernen Arbeitsstätten anreisen. Ein Ort, geprägt von patriarchalen Traditionen und streng verwaltet von Aichas Schwiegermutter, gegen deren systemerhaltendes Regiment die nächste Generation nur zaghaft aufbegehrt und von dem sich erst die darauf folgende langsam und unter Mühen befreien wird. Der Film beginnt mit der Rückkehr der Protagonistinnen an den zentralen Ort ihrer Vergangenheit. Von dort aus entwickelt Tlatli mit Hilfe von Rückblenden die Geschichte ihrer Heldinnen. So lässt die Regisseurin in langen, ruhigen Einstellungen verschiedene Zeitebenen sich kreuzen und verknüpft die Alltagserfahrungen und Wünsche der Mutter- und der Töchtergeneration. Der Umgang mit Sexualität ist dabei ein zentrales Element, wobei Sexualität als Teil der individuellen Freiheit und Kreativität wie auch als historisches Instrument der Unterdrückung erkannt wird. Außer in der filmischen Montage liegt die Stärke von Tlatlis Film denn auch im Verständnis für den Zwiespalt vom repressiven Charakter der Tradition und dem Aufgehobensein in ihr. (nach: Der Standard, berlinaleonline.de, www.taz.de, NZZ) „Die komplexe und nichtlineare Erzählstruktur ließe einen kopflastigen Film erwarten. Das Gegenteil ist der Fall: LA SAISON DES HOMMES ist ein geschmeidiger, flüssiger Film voll sinnlicher Überraschungen. Dazu gehört der gleitende Wechsel von äußerer Handlung zu Bildern, die das Innenleben der Protagonistinnen offenbaren.“ (Robert Richter, NZZ)

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SHAMT AL KUSHUR – DAS SCHWEIGEN DES PALASTES

„Die einzige Regel, die wir hier lernen, ist das Schweigen.” Dieser Satz stammt von den Frauen, die im Palast von Tunis als Dienerinnen arbeiten. Der jungen Alia gelingt mit 15 Jahren die Flucht von dort. Erst 10 Jahre später, anlässlich des Todes des Prinzen kehrt sie in den Palast zurück und durchlebt in einer Rückschau alle Bedrückungen ihres Lebens noch einmal. Moufida Tlatli: „Aus dem Blickwinkel eines Kindes habe ich versucht, die Welt der orientalischen Fürsten und die von ihnen ausgehende Ungerechtigkeit darzustellen, die vom Glanz einer Jahrtausend alten dekadenten Kultur verstellt ist. Obwohl es das Schicksal des Kindes ist, seiner Mutter in die Sklaverei zu folgen, wollte ich auch die Fähigkeit der Frauen, mit diesen Bedingungen zu brechen, zeigen. Alia ist die erste aus ihrer Familie, die es wagt, sich selbst zu behaupten.”

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