Mohsen Makmalbaf

GABBEH

Der Iran erscheint nach wie vor als kulturelle Terra incognita. In politisch-religiöser Hinsicht liegen die Klischees des fundamentalistischen Gottesstaates natürlich bereit, und einige Nachrichten aus dem weitgehend abgeschotteten Land bestätigen dann meist diese eurozentrischen Vorurteile. Hin und wieder gerät jedoch ein Spielfilm ins Blickfeld, der so gar nicht den Klischees entspricht, der vielmehr durch seine elementare Kraft ein Stück Utopie liefert: das einer universellen Poesie. Traumlandschaft: eine Hütte inmitten von Olivenbäumen, ein klarer Bach schlängelt sich vorüber, staut sich leicht. Zwei sehr alte Menschen, Mann und Frau, machen sich daran, einen ihrer Teppiche zu waschen. Keinen gewöhnlichen Teppich, sondern einen „Gabbeh”, von Nomaden in kräftigen Farben geknüpft. Da erwacht das Motiv des Teppichs – eine attraktive Nomadin im blauen Gewand. Sie beginnt ihre Lebens- und vor allen Dingen Liebesgeschichte zu erzählen, denn ihr Vater hatte ihr verboten, den Mann zu heiraten, den sie geliebt hatte. Teppiche mit erzählenden Motiven, sogenannte „Gabbehs”, spielen eine zentrale Rolle im Leben der Stämme, in ihnen spiegeln sich profane Dinge des Alltags ebenso wie transzendente Erfahrungen. Gabbeh heißt auch das junge Mädchen, das in der Rahmenhandlung des Films seine eigene Geschichte einer unerfüllten Liebe erzählt. Ein Märchen, gewiß, aber wie arm wäre das Kino ohne märchenhafte Momente! Bisher war der Regisseur Makhmalbaf außerhalb seiner Heimat nur Cineasten und Festivalbesuchern ein Begriff. Fünfzehn Filme hat er seit 1982 gedreht; GABBEH ist der erste, der bei uns ins Kino kommt. Im Iran gilt er als Superstar, seine Werke sind beim (prinzipiell lichtspielsüchtigen) Volk weit populärer als jene von Abbas Kiarostami, der im Westen oft als Synonym fürs persische Kino herhalten muß. (nach: filmdienst; Die Zeit, 26.3.99; zoom 3/97; zoom 4/97; epd Film 5/98; Presseheft) Mohsen Makhmalbaf: „Was die ausländischen Zuschauer am iranischen Kino anzieht, ist die Einfachheit der Filme und ihre Nähe zur Natur. Das sind zwei Merkmale, die auch in GABBEH eine wesentliche Rolle spielen. Es gibt eine naturbezogene Poesie in dem Film, die den Zuschauer ruhig macht und ihn in eine Stimmung versetzt, so als würde sich die Natur um ihn herum entfalten.”

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