Marijke Jongbloed

FATAL REACTION (NEW YORK, SINGAPUR, BOMBAY, MOSKAU)

Eine tragikomische Filmnachtreise in Anwesenheit der holländischen Regisseurin Marijke Jongbloed von Amsterdam nach NEW YORK, SINGAPUR, BOMBAY und MOSKAU. Alles begann mit einem Selbstversuch, einer Kontaktanzeige in einer holländischen Tageszeitung: Frau sucht Mann. Niederschmetternd die männlichen Reaktionen: Unsicher, hilflos von sexuellen und anderen Dienstleistungen träumend. Marijke reagiert höflich: „Danke. Nein. Ich möchte mehr sein, als Mutter, Callgirl oder Therapeutin.“ Und macht sich auf den Weg nach New York, wo Statistiken wahrsagen, daß die Chance, von einem Terroristen erschossen zu werden, gleich hoch sei, wie für eine gebildete Frau einen gleichwertigen Partner zu finden. So findet sie Laura Slutsky. 45 Jahre, erfolgreich, selbständig, schlagfertig, witzig, ohne Partner, ohne Kinder: „Ich fühle mich wie ein grausamer Witz Gottes, meine biologische Uhr tickt in den Eierstöcken immer schwächer, aber die Männer, die ich kennenlerne, sind alle gestört, verwundet.“ Trotzdem gibt sie nicht auf, moderiert Junggesellen-Versteigerungen in exklusiven Hotels, lächelt unter Tränen auf der Straße, weint haltlos bei ihrer Therapeutin, quält sich durch Buchhandlungen, vorbei an unzähligen Ratgebern mit Titeln wie „Ich bin so wunderbar, aber warum noch immer allein?“ oder „Die Männer sind vom Mars, die Frauen von der Venus“, um schließlich den ganzen Zirkus von Vorurteilen und kaum überbrückbaren Mißverständnissen in eine klare Sehnsucht zu übersetzen: „Ich will einen Mann wie eine beste Freundin, nur mit einem Penis!“ Andere Frauen besuchen teure Seminare, wo sie lernen, unterwürfig und gleichzeitig abweisend zu sein, immer fünf Männer in Reserve zu halten, Laura kann darüber nur lachen: „Fünf? Ich hab’ nicht einmal einen.“ Dabei sprüht Laura vor selbstironischer Lebensfreude, genießt den beruflichen Erfolg als Chefin ihrer eigenen Werbeagentur, eine starke Frau, von der Männer eigentlich träumen sollten. Trotzdem bleibt abends in ihrem großen Bett ein weiter, unerfüllter Sehnsuchtsraum, bewacht von zwei kleinen verspielten Hunden, die an Kinderwünsche erinnern. „Männer bevorzugen dumme Frauen. Je gebildeter, erfolgreicher und gut verdienend eine Frau ist, desto geringer ihre Chancen, einen gleichwertigen Partner zu finden“, meint die Journalistin Sheri Mackover. „Frauen suchen nach Partnern, die gleichwertig oder überlegen sind. Männer suchen Frauen, die gleichwertig oder unterlegen sind. Deshalb haben erfolgreiche Frauen weniger Auswahlmöglichkeiten.“ In Singapur steht laut Statistik fünf gebildeten Frauen gerade ein potentieller, gleichwertiger Partner gegenüber. In Bombay gibt es doppelt soviel unverheiratete Frauen wie Männer und auch in Moskau wird bei wachsender ökonomischer Unabhängigkeit die emotionale Lebensperspektive für selbstbewußte, selbständige Frauen von Tag zu Tag schwieriger. In Singapur hat die Statistik, die besagt, daß 40% aller Frauen mit Universitätsabschluß nie heiraten werden, sogar eine Regierungsinitiative provoziert: Eine staatlich finanzierte Partnervermittlungsagentur wurde gegründet, mit dem verlockenden Namen „The Love Ship“. Frauen und Männer sitzen sich fassungslos auf arrangierten Schiffsfahrten gegenüber, gesteuert von einem Zeremonienmeister. Das traditionell-konservative Denken der Männer werden diese hilflosen Versuche kaum ändern. So meint eine junge Frau: „Ich arbeite sieben Tage die Woche, in meinen Job bin ich für Hunderttausende Dollar verantwortlich. Meine Arbeitskollegen schätzen mich, weil ich stark und unabhängig bin, aber unterschwellig versuchen sie immer, mich zu brechen. Sie ertragen es nicht, daß ich ihnen aufgrund meiner Ausbildung und beruflichen Stellung ebenbürtig bin. Sie wollen unterlegene, gefügige Frauen, aber ich würde mich nie mit einem ignoranten oder ungebildeten Mann zufrieden geben.“ Regisseurin Marijke Jongbloeds Mut und Ausdauer ist es zu danken, daß ein Problem von Millionen Frauen enttabuisiert und öffentlich diskutierbar wird. Ihr persönliches Engagement verweigert den vier Filmen die übliche glatte Reportageform oder das denkbare Pamphlet, sie öffnet Fenster in die Abgründe unserer Oberflächenwelt. Herausfordernd, humorvoll und dennoch voll herzzerreißender, sehnsuchtsvoller Traurigkeit. (Otto Reiter)

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