Goran Rebic

THE PUNISHMENT

Eine Frau im weißen Brautkleid überquert die Straße, spaziert auf das Standesamt zu, den Festgästen entgegen. Unvermittelt beginnt ein Alarmsignal durchdringend zu heulen, bringt die Musik mit seiner Insistenz zum Schweigen. Die Menschen blicken einander an und aneinander vorbei, kaum überrascht, ohne sichtbare Angst, eher nur in ihrer Ruhe gestört, abwartend. Das Auge der Kamera schwenkt wie desorientiert in die Ferne, Richtung Hauptstraße. Dort geht alles seinen Gang, die Leute bewegen sich ganz ohne Eile, als wäre alles so wie noch eine Minute zuvor. Ein windiger Frühlingstag in Belgrad 1999. Der Krieg ist längst Routine geworden, das Signal für die Bomben nur noch ein lästiger Ton aus heiterem Himmel. (…) Kein Ton fällt in den ersten acht Minuten dieses Films, weil die Dinge, die Gesichter und die Landschaften für sich selbst sprechen können. Goran Rebic versucht in THE PUNISHMENT jenes Bild zu korrigieren, das sich die Welt von der Wirklichkeit des Lebens in Belgrad, unmittelbar nach Ende der Bombardements machen musste. Ihm ging es darum, jene Leute zu Wort kommen zu lassen, die sonst keinen Platz in den Fernsehbildberichten haben: die Intellektuellen und die Künstler, SchülerInnen – serbische BürgerInnen, die gegen das Regime von Milosevics sind, aber die Strategie der Nato dabei nicht problemlos gutheißen können. Goran Rebic: „Das Hauptaugenmerk liegt auf den jungen Leuten, die in den Krieg geboren wurden oder in ihm aufwachsen mussten, Menschen, denen diese zehn Jahre buchstäblich entfernt, rausgeschnitten wurden, die sich nicht identifizieren mit dieser Politik, dieser Nation, die die Albaner nicht für minderwertig halten und die keine Probleme mit Kroatien haben.“ Unter hohem zeitlichen und politischen Druck hat Goran Rebic seinen Film hergestellt. Noch zu Silvester hat er gedreht, drei Wochen später ist seine Arbeit beendet. Die Eile macht Sinn, denn Rebic will mit Dingen konfrontieren, die im Kino rar sind: nicht mit Erinnerungen und Rückschauen, sondern mit Gegenwärtigem, mit Bildern und Worten, die von der Patina des Historischen noch nicht starr, zu Museumsstücken gemacht worden sind. (nach: Stefan Grissemann)

read more