Heiterkeit als Entscheidung: Likarion Wainainas Film SUPA MODO

Es ist ein Märchen. Also eigentlich ein Märchen in einem Märchen. Unwirklich, aber mit Vorsatz, so dass es schon wieder zum Realismus taugt…..Ohne schwergewichtigen Art-House-Jargon, geradewegs durch die Handlung werden die Möglichkeiten der Fiktion fürs Gesellschaftliche ergründet, und es verblüfft, wie viele Ideen in den gerade mal 74 Minuten verstaut sind. Das Erzählte trägt sich irgendwo in Kenia zu, um eine Heldin herum, die Superhelden liebt. Sie heißt Jo, ist neun Jahre alt und hat noch zwei Monate zu leben. Ihre Mutter Kathryn – bezeichnenderweise die Hebamme im Dorf, also zuständig für die andere Seite des Lebens, die Geburt – begreift die Sterbebegleitung ihrer kranken Tochter vor allem als Behütung. Jos ältere Schwester Mwix sieht keinen Sinn darin, dass das Mädchen die verbleibenden Wochen im Bett verbringt, und überredet das Dorf, eine vollendete Illusion zu inszenieren, in der Jo tatsächlich Superkräfte besitzt. Sie kann nun z. B. auf einem Marktplatz die Zeit anhalten, indem alle dort Anwesenden auf ein Zeichen hin in Ruhe verharren. Durch die inszenierte Phantasie gestattet das Dorf ihr, über sich hinauszugehen. Da sie nicht fortleben kann, niemals Souveränität, Ermächtigung und Freiheit im Erwachsensein wird erfahren können, soll sie es hier und jetzt als Spiel erfahren. Und dieses Spiel ist reiner und schöner als jene stets durchwachsene Halbheit namens Leben.
Der in Mutter und Schwester angelegte Konflikt zwischen Fürsorge und Ermächtigung, dem Kind was Nützliches (Pflegen, Behüten) oder was Gutes (Spiel, Vergnügen) zu tun, die soziale und die liberale Lösung, wird dramatisch, also gerecht, als Kollision zweier Teilwahrheiten gefasst und findet seine Aufhebung erst in der Kunst: dem gemeinsamen Entschluss, einen Film zu drehen mit Jo in der Hauptrolle einer Superheldin.

Damit veranschaulicht sich die Spielfunktion der Kunst auf zwei Ebenen: als reales Rollenspiel und als gemeinsames Filmprojekt. Jo weiß in beiden Fällen um den Charakter der Fiktion. Sie lässt sich bewusst darauf ein. In genuin kindlicher Haltung – zu wissen, dass ein Spiel nicht echt ist, aber innerhalb des Spiels tatsächlich an seine Echtheit zu glauben. Im Ablauf ihrer letzten Tage geht damit eine Ermächtigung einher, die über den Tod hinausgeht. Der Übergang zur Produktion des Films hat nicht bloß den Vorteil, dass das Spiel an Gefährlichkeit verliert; er macht es im Medium gegenständlich. Durch den Film kann das sterbende Mädchen eine Art Unsterblichkeit erhalten.
Erschienen in Junge Welt, Tageszeitung in Berlin, Nr. 93, 2013 von Felix Bartels

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