Für einen großen Bruder, der auf Reisen ist

Für einen großen Bruder, der auf Reisen ist

Cher Pierre,
Saint Pierre,
du bist aufgebrochen
ohne Auf Wiedersehen zu sagen
ohne Adieu.
Ich wusste, dass du dich nicht gut fühltest!
Aber dein Aufbruch zu dieser Reise, auf der wir dich nicht
sehen können,
ist nur wie Verstecken spielen!
Ein Spiel mit Licht und Schatten,
und du bist im Schatten.
Aber dein Leuchten erhellt unsere Blicke.
Zu den besten in Burkina Faso realisierten Filmen
gehören deine Filme «Laafi», «Dounia», «Delwendé»,
«Moi et mon Blanc», «Bayiri».

Und sie werden mir fehlen
deine leidenschaftlichen Streitgespräche,
deine konstruktiven Diskussionsbeiträge,
deine Erklärungen, die einen verzaubern können,
und die liebevollen Ratschläge, die du als großer Bruder
geben konntest.

Wo du nun schweigst und tot bist,
werde ich diesen Schrei nicht mehr hören!
Aber in mir höre ich dein Schreien an den Filmsets.
Unverstanden, ungeliebt und aufsässig warst du,
aber du hast nie aufgegeben
als Schöpfer von Träumen,
als Ankläger,
als Warner,
im Geiste eines militanten Humanismus.

Sie werden aufgehen,
die Traumsamenkörner,
die du ausgestreut hast,
in den Wind,
in die Wüste,
in den Schnee,
auf die Berge.
Ihre Blüte
wird ein Aroma von Wein der Sympathie haben,
nach einem mit Freunden geteilten Bier schmecken,
den Duft deiner Utopien tragen
und all das in den Farben der Freundlichkeit und
Gastfreundschaft.
Saint Pierre,
man wird von dir sagen,
dass du ein perfekter Rebell warst
mit der Kamera als Waffe,
den Bildern als Munition
und mit den Stimmen deiner Schauspieler als Kampfgeräusch.

Saint Pierre,
man wird über dich sprechen.
Denn
deine Filme enthalten das Klagen der Armen
und ebenso die Sprache des Protests.
In deinen Werken steckt die Ästhetik der Anklage,
in deinem Leben warst du selbstbewusst in der Rebellion
und stolz im Elend.

Mein Freund,
mein großer Bruder,
du hast frei und gerecht gelebt
in der Auflehnung.
Einen Film zu machen, das war für dich existenziell!

Man wird sich erinnern
an die Danksagungen, die du dir würdig verdient hast,
die Preise, die du mit Demut annahmst,
das Licht, das du ohne jede Arroganz ausgestrahlt hast,
und an den Rauch der Zigarette zwischen deinen Fingern.

Du bist in den Schatten des 1. April eingetreten,
damit wir dein Licht
besser sehen können!
Du bist jetzt mit oben am Sternenhimmel
um jede Nacht hineinzuleuchten
in die schattigen Winkel von Burkina Faso!

Éric Bayala, dein kleiner Bruder
Originaltext: Éric Bayala
(Filmemacher aus Burkina Faso, lebt in Innsbruck)
Übersetzung: Philipp von Lucke

Weiß-Schwarz und Schwarz-Weiß
In memoriam S. Pierre Yaméogo (15.5.1955 – 1.4.2019)
S. Pierre Yaméogo ist im Frühjahr in Ouagadougou gestorben. Wir haben ihn geschätzt als Filmemacher und wir haben ihn gekannt als Freund. Die Kommunikation war auf Grund der Sprachbarrieren nicht immer top, aber wir verstanden uns perfekt. Im Vorjahr konnten wir ihm den Ehrenpreis des IFFI zusammen mit dem Skulpteur Alois Schild übergeben. Wir ahnten schon Schlimmes. Er war nicht mehr gesund. Yaméogo hat alle seine Filme in den Dienst der kleinen Leute gestellt. Er hat die Themen kritisch aufgegriffen, die das postkoloniale Afrika sozial bestimmt haben, aber hat dies mit einem gewissen Humor gemacht. Am Schluss einer gruseligen Szene kam immer ein Gag, der zum Schmunzeln verführte. Deshalb war er vielleicht nicht der Filmemacher, den sich manch Europäer erwartet hat.
„…Afrikaner und Europäer haben einen anderen Blickwinkel. In MOI ET MON BLANC wollte ich zeigen, wie die Weißen die Schwarzen sehen, was sie von ihnen denken, und umgekehrt. Denn in den Augen der Afrikaner haben die Europäer Geld. Europäer glauben, Schwarze wüssten nicht, was Arbeiten heißt. Oder sie meinen, in Afrika herrsche Armut und Elend und alle sterben an Aids. Diese Verdoppelungen ermöglichen mir, einen „doppelten” Blick zu vermitteln, Vorurteile beider Seiten zu zeigen.” (aus einem Gespräch zwischen Sabine Girsberger und S. Pierre Yaméogo, erschienen in: Trigon-Magazin Nr. 25)
Wir gedenken eines der größten afrikanischen Filmemacher, der auch ein großer Freund des IFFI war. Seine Filme sind Teil der afrikanischen Filmgeschichte und des Weltkinos. Mit SILMANDE hat er im Jahr 2000 den von Kulturlandesrat Fritz Astl gestifteten Filmpreis des Landes Tirol verliehen bekommen.
Adieu mein lieber Pierre – dein Helmut Groschup

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