1996

AJANTRIK – DER VAGABUND

Die eigenwillige, oft schelmische Liebesgeschichte zwischen einem Taxifahrer und seinem Auto: Bimal, der in seinem veralteten, über alles geliebten Gefährt Jaggadal die indische Provinz durchquert, wird auf seinen Wegen nebenbei Zeuge eines wirtschaftlichen Umbruchs. Während die Natur den Bulldozern weichen muss, ist er damit beschäftigt, seinen Wagen trotz allseitigen Spotts in Schuss zu halten, und investiert seine letzten Ersparnisse in das Objekt, das er für beseelt hält. Erst als sich Bimal in eine Frau verliebt, gibt Jaggadal den Geist auf. Als Exeget von C.G. Jung konstruiert Ghatak von AJANTRIK an alle seine Filme nach dessen Archetypen: In Jaggadal sieht er das Abbild der Mutter und des alten Indiens. Die Hupe, die klingt wie die Hörner des Oraon-Stamms, dessen ekstatischen Tanzriten Bimal in einer elektrisierenden Sequenz beiwohnt, wird nach Jaggadals Verschrottung von einem kleinen Jungen gefunden, der sie prompt betätigt: Ghataks Filme enden bevorzugt mit Tod und Leben – Ende und Neubeginn im selben Bild. „Der einzelne Mensch stirbt, aber die Menschheit entwickelt sich weiter.” read more

APPUNTI PER UN FILM SULL’INDIA

The two documentary films APPUNTI PER UN FILM SULL’INDIA (1967/68) and APPUNTI PER UN’ORESTIADE AFRICANA (1968/69) resulted from a planned film project about the topics of religion and hunger in the countries of the ‚Third World’. Originally more documentary films about the reality in Arabic countries, in Latin America and Afro-American parts of the USA were planned, but they were never done. Pasolini’s fascination of these countries and cultures must be seen in the whole context of his social critique. Pasolini’s idea was that the culture that is not yet influenced by the destructive power of capital and consumption is to be found in the proletariat and in societies with agrarian structures: these societies are the original element and principle of order itself. Even though the countries of the Third World have been colonized by the West, one can still find more authenticity in these societies than in the structures of the corrupt West. Those countries are also origin of a positive revolutionary dynamic towards the West – but a few years later Pasolini distanced himself from this thought when he realized that there was no revolution of the proletariat but that of the bourgeoisie.
 

Italy 1968
Regie: Pier Paolo Pasolini
34min, 35mm, schwarzweiß, OmeU
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CLANDO

Kamerun 1995
Regie: Jean-Marie Téno
,

CORTAZAR

Argentinien 1994
Regie: Tristán Bauer
,

GANH XIEC RONG – DER WANDERZIRKUS

Dieser Film lasse sich in punkto Form, Gefühlskraft und Menschlichkeit mit Fellinis LA STRADA vergleichen, wurde am Festival von Freiburg bekannt, wo Nguyen Viêt Linh 1992 einstimmig den „Großen Preis” zuerkannt erhielt. Des Junge Dat und seine Schwester leben mit ihrem ewig betrunkenen Vater in einem Dorf in den Bergen. Eines Tages taucht ein Wanderzirkus auf. Dat freundet sich mit einem jungen Mädchen vom Zirkus an: Er hofft hinter den Trick zu kommen, mit dem die Gaukler aus einem leeren Korb plötzlich Reis für alle zaubern. Nguyen Viêt Linh: „Der Film ist eine Kritik an der Illusion und der Heuchelei, wie man sie in der Kunst und im täglichen Leben findet. Niemand sollte, sei es nun in der Kunst oder in der Politik, die Mittel, die ihm zur Verfügung stehen, dazu benutzen, um die Leute zu täuschen.” read more

GIZLI YÜZ

By the time a woman discovers a picture of a person she has seen in her dreams over and over again she leaves everything which was important to her for twenty years within two days. She disappears without a trace in company of the man on the photograph. He is a clockmaker who knows secrets of the hidden magic of time and the meaning of life. The young photographer who took the pictures begins to search for the mysterious woman himself.
 

Türkey 1991
Regie: Ömer Kavur
114min, 35mm, Farbe, OmU
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GUANTANAMERA

Kuba – ein ungewöhnlicher Leichentransport und ein Lastwagen folgen der gleichen Route von Guantánamo bis Havanna, jedoch aus sehr unterschiedlichen Gründen. Die Trauergäste, der Beerdigungsinstitutsbeamte Adolfo, seine Frau Gina und Cándido, der sein Leben lang in Ginas Tante verliebt war, und die tote Yoyita müssen sich einem neuen wirtschaftlichen Staatsplan für Totenüberführung fügen. Mariano, ein eingefleischter Verführer, und Ramón, sein vertrauter Freund, fahren den Truck auf ihrem gewöhnlichen Weg und treffen die Trauergesellschaft. „Man sollte nicht glauben, daß GUANTANAMERA Geschosse gegen die Misere auffährt: Das pralle karibische Leben, der joviale Ton von Heiterkeit, den die Autoren ihm verleihen und der Optimismus, mit dem die Liebesgeschichte beleuchtet wird, gleichen alles aus und legen einen Tropfen Poesie auf die geliebte Insel.” (La Vanguardia/Madrid) „Im Mittelpunkt steht die offenbar unzerstörbare Vitalität kubanischer Menschen, die sich an ökonomische, gesellschaftliche und politische Schwierigkeiten, die sie nicht beseitigen können, anpassen und ihre Alltagsprobleme mit lebensbejahender Zuversicht und originellen Ideen zu lösen versuchen.” (Multimendia) Tomás Gutiérrez Alea und Juan Carlos Tabío gelang es, von der ersten Szene an bis zum Finale auf dem Colon Friedhof jenen optimistisch-fröhlichen Grundton beizubehalten, der auch das auf Kuba so populäre Lied „Guantanamera” prägt. Der Ohrwurm erzählt zwar die völlig unpolitische Geschichte eines Mädchens vom Lande, doch die Botschaft zwischen den Zeilen, nämlich die Kritik an der amerikanischen Präsenz auf Kuba, wurde stets als solche verstanden. Die gilt auch für die Komödie GUANTANAMERA, ein ebenso kurioses wie auch heiteres Road-movie mit bemerkenswertem Tiefgang.” (Salzburger Nachrichten) „Diese Geschichte beruht auf Fakten. Wir haben die absurden Dinge nicht erfunden. Sie sind Teil unserer alltäglichen Realität.” (Tomás Gutiérrez Alea) read more

JUKTI, TAKKO AAR GAPPO – VERNUNFT, DEBATTE UND EINE ERZÄHLUNG

Der schonungsloseste Epitaph der Filmgeschichte, selbstverfasst: Ritwik Ghatak, stets gepeinigt von Identitätszweifeln, die er im Alkohol ertränkte, beginnt den Film, der sein letzter werden sollte, noch vor TITASH EKTI NADIR NAAM. Wie dort werden die Dreharbeiten immer wieder unterbrochen, wegen akut auftretender Tuberkulose und Alkoholdelirium. Ghatak selbst spielt einen alkoholkranken Intellektuellen, den seine Frau nach einem (autobiographischen) Wortwechsel verlässt, und der mit zwei Bürgerkriegsflüchtlingen aus Bangladesh eine Odyssee durchs zerfallene Westbengalen unternimmt. Halb Narr, halb Weiser, trifft er, zumeist betrunken, auf ehemalige Mitstreiter, die der Dekadenz anheimgefallen sind, wohnt einem traditionellen Chau-Tanz bei und findet nach einer langen, fruchtlosen Diskussion mit jungen Widerstandskämpfern durch eine zufällige Kugel den Tod, wobei er seine letzte Flasche ins Kameraobjektiv verschüttet. Inhaltlich wie stilistisch ein Film der Ratlosigkeit, die aber mit solcher Leidenschaft vorgetragen wird, dass sie zielstrebig scheint: „Das Universum brennt. Ich brenne.” read more

KOMAL GANDHAR – E-MOLL

Ghataks zärtlich-kritischer Tribut an die „Indian People´s Theatre Association” (IPTA) – eine Erzählung von zwei rivalisierenden Theatergruppen, die für eine einzige stehen, so wie das geteilte Bengalen für Ghatak immer die Erinnerung an die Einheit heraufbeschwört. Das Wechselspiel von Trennung und Einheit ist das kennzeichnende Merkmal von Ghataks Kino: schmerzhafte Trennung von Ton und Bild, um durch außer-erzählerische Klänge (hier: Schüsse, Lieder, Sirenen) eine übergeordnete Einheit der Bedeutung herzustellen. Trennung von individueller, mythischer und sozialer Erzählung, die doch erst durch die Verbindung der Ebenen zur vibrierenden, vielschichtigen Einheit des zyklischen Weltbilds von Ghatak wird. Trennung Bengalens durch den Fluss Padma, die schon die erste Szene von KOMAL GANDHAR zu überwinden sucht. Auch der Titel handelt von dieser Überwindung: Er verdankt sich dem bengalischen Dichter und Philosophen Rabindranath Tagore, der in der Tonart E-Moll eine Metapher für die Ehe, die Wiedervereinigung sah. Am Ende von KOMAL GANDHAR gönnt sich Ghatak nach zahlreichen tragikomischen Intrigen und Auseinandersetzungen die Erfüllung dieser Hoffnung. read more

MELODRAMA

Esperanza sagt im kubanischen Fernsehen das Wetter an, und das tut sie am liebsten dann, wenn atmosphärische Tiefs ihren eigenen jämmerlichen Seelenzustand spiegeln. Die Bedauernswerte muss lernen, vom Leben wieder mehr zu erwarten als Sintflut und Apokalypse. In der vorwitzigen, frivolen und larmoyanten Komödie nimmt Regisseur Rolando Díaz die Zensur ins Korn. Der Film ist ein populäres, farbiges und sinnenfrohes Unterhaltungsspektakel, eine ironisch überdrehte melodramatische Beziehungskomödie im Stile Pedro Almódovars und eine politische Satire über den Ausverkauf traditioneller Wertvorstellungen, gedreht mit Hilfe der Stilmittel des Klamauks und des Wortwitzes. read more